Judith Rauch schreibt: Reader´s Digest (Online-Ausgabe) September 1997

Flüchtlingsströme - ein globales Phänomen

Hans Koschnick, SPD, Ex-Bürgermeister von Bremen, bekannt und geehrt für seinen Einsatz als EU-Administrator in Mostar (Bosnien-Herzegowina) von 1994 bis 1996, im Gespräch mit Judith Rauch

Reader´s Digest: Weltweit sind nach UN-Angaben mehr als 22 Millionen Menschen auf der Flucht. Was sind die Hauptursachen dafür?

Hans Koschnick: Erste Fluchtursache sind vom Menschen verursachte Katastrophen: Krieg, Bürgerkrieg, Chauvinismus, Nationalismus, manchmal auch Religionswahn. Dann gibt es Fluchtbewegungen, die durch menschliche Fehler entstanden sind, weil man sich nicht rechtzeitig gegen erkennbare Naturkatastrophen gewehrt oder sich nicht vorbereitet hat. In Bangla Desh zum Beispiel: Es muß nicht sein, daß dort Jahr für Jahr 40 000, 80 000 oder gar 100 000 Menschen ersaufen, weil die Sturmfluten kommen. Man dürfte in den gefährdeten Regionen nicht siedeln. Und es gibt dann noch Katastrophen, die unabwenRDar sind, weil die Natur explodiert und man nicht helfen kann. Etwa in der Sahelzone, wenn die Wüste vordringt und der Hunger die Menschen zur Flucht bewegt. Manchmal auch eine falsche Politik: Das Verdammen von Familienplanung zum Beispiel hat viel Elend auf die Welt gebracht. Das alles sind Faktoren, die Menschen bewegen, die Heimat, die eigene Region zu verlassen.

RD: Wer trägt denn die Hauptlast der Flüchtlingsströme? Sind es die reichen Länder?


Koschnick: Nein. Wenn man die große Zahl der Flüchtlinge in Asien und Afrika sieht, leiden die Menschen dort besonders erbärmlich, aber materiell tragen Länder Lasten, die der eigenen Bevölkerung nicht einmal ein Mindestmaß an Wohlstand bieten können. Ich sage das auch in Bezug auf die Bosnien-Flüchtlinge in Deutschland. Wir haben 330 000 aufgenommen - objektiv die größte Zahl der Menschen, die aus Bosnien-Herzegowina kommend ein Refugium im Ausland gefunden haben. Bezogen auf die Bevölkerung hat Kroatien mehr getragen - nämlich 150 000. Und Kroatien geht es nicht sehr gut. Pro Nase gerechnet, hat Schweden mehr getragen als wir - gut, Schweden ist ein vermögendes Land. Viele Flüchtlinge sind nach Italien gegangen, nach Österreich, auch Slowenien hat viel getan. Serbien hat Flüchtlinge aufgenommen - wenn auch nur Serben. Sie alle haben einen Teil der humanitären Nachsorge übernommen. Aber es bleibt die Frage: Wäre nicht Prävention wichtiger gewesen als hinterher zu helfen?

RD: Wie kann man Fluchtursachen vorbeugen? Was gibt es an Frühwarnsystemen?

Koschnick: Die haben wir. Die Agenda 2000. Die Konferenz von Rio über die Naturkatastrophen. Wir haben in Europa die OSZE, früher KSZE, die Krisen rechtzeitig erkennen soll, damit man ohne Waffengewalt dafür sorgen kann, daß es nicht zu einem Konflikt kommt. Aber wir dürfen von der OSZE aus nicht nur die Regierungen fragen. Wenn man sieht, im Lande brodelt es, daß Dämme aufbrechen - dann muß man alle Seiten anschauen. In Jugoslawien haben wir zur Verhinderung des jugoslawischen Bürgerkrieges mit der Bundesregierung geesprochen. Zu einer Zeit, als Slowenen, Kroaten, Makedonier, auch schon die Bosnier anfingen zu sagen: Wir wollen raus aus diesem Laden. Aber unser Partner war allein die Bundesregierung, die schon damals machtlos geworden war, weil die Serben wichtige Funktionen des Staates übernommen hatten. Formal mache ich keinem einen Vorwurf, aber ob das ganz klug war?

RD: Hat sich da etwas geändert?

Koschnick: Wir beginnen heute, mit den Betroffenen zu sprechen, überall da, wo diese politischen Veränderungen auftauchen. Um Lösungen möglich zu machen, die nicht Gewalt bedeuten. Wie jetzt in Albanien, wo der frühere österreichische Bundeskanzler Franz Vranitzky Wege gefunden hat, ohne Gewalt eine gewisse Beruhigung zu erreichen. In Tbilisi in Georgien haben wir einiges erreicht, und wir versuchen das mit Armenien und Aserbaidschan.

RD: Die EU-Administration in Mostar war etwas ganz Neues. Aber ist sie nicht letztlich gescheitert?

Koschnick: Es war die erste Aktion der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik nach Maastricht. Wir hatten erkannt, daß die früheren Bemühungen der europäischen Gemeinschaft nicht hinreichend waren und wollten jetzt zum ersten Mal die Energien der europäischen Länder in gemeinsamen Maßnahmen bündeln. Es ist nicht gelungen. Die Bemühungen der deutschen Bundesregierung, dem EU-Administrator mehr Vollmachten zu geben, ist an den nationalen Eifersüchteleien der Staaten gescheitert. Hoffen wir, daß der nächste Schritt, der jetzt in Amsterdam beschlossen worden ist, hilfreich sein wird: mindestens gemeinsame Krisen- und Planungsstäbe aufzubauen, Untersuchungen gemeinsam zu machen.
Die Amerikaner werfen uns Europäern ja zu Recht vor, daß wir einfache Fragen des europäischen Kontinents nicht fähig sind, allein zu lösen, sondern immer wieder sie fragen. Sie wollten nicht in Jugoslawien beteiligt sein. Weil sie wußten, wenn sie nach Jugoslawien gehen, müssen sie die Russen mitnehmen, um da keine Spannungen aufkommen zu lassen. Tito hat die Russen 50 Jahre von der Adria weggehalten - wir haben sie hergeholt. Das ist schon eine besondere Leistung der europäischen Politik!

RD: Wird es solche Administrationen noch öfter geben?

Koschnick: Ich denke wohl. Wo immer Europa gefordert wird und wir meinen, wir können damit Frieden sichern. Denn der Grundgedanke war absolut richtig: Wir wollten unsere ökonomischen, unsere umweltpolitischen, unsere humanitären Ressourcen nutzen, um ein Klima für Frieden zu schaffen - und nicht nur Militärdiplomatie betreiben. Das war eine absolut richtige Position - diese wird bleiben. Da war auch in Mostar kein Versagen. Versagt geblieben ist die Erfüllung des Wunsches, die Menschen zusammenzubringen. Aber wenn nationalistische Führer noch so viel Einfluß haben, um das zu verhindern, ist das ein Problem der Zeitgeschichte, nicht so sehr das Versagen eines Auftrages.

RD: Was wird Europa aus diesen Erfahrungen lernen?

Koschnick: Wenn wir in Europa unsere eigene Zukunft gestalten wollen und nicht abhängig werden wollen von dem amerikanischen, japanischen oder chinesischen Markt, dann müssen wir etwas Eigenes mitbringen. Und das ist nicht Ökonomie alleine. Nicht nur eine gemeinsame Währung oder eine gemeinsame Agrarwirtschaft, sondern es geht um die Frage: Sind wir in der Lage, gemeinsam zu denken? Und sind wir wirklich bereit, für das, was Europa ausmacht - nämlich die Vielzahl von Kulturen - und eine gemeinsame Position zu den Menschenrechten einzutreten? Kein "melting polt" - kein Schmelztiegel. Aber verantwortlich die Brücke zu sehen, die uns trägt.

INTERVIEW: JUDITH RAUCH




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