Judith Rauch schreibt: VDI nachrichten, 10. Oktober 2003

Archäologie: Beim Historien-Puzzle fügen sich die Teile auch durch Magnetometer, Datenbanken und VR-Systeme zusammen 

Mit Hightech in Trojas Vergangenheit stöbern

Heinrich Schliemann entdeckte auf dem Hügel Hisarlik 1871 das antike Troja. Seit 15 Jahren gräbt der Tübinger Ur- und Frühgeschichtler Prof. Manfred Korfmann an der berühmten Stätte. Unterstützt wird er dabei von modernster Technik und Naturwissenschaftlern, Ingenieuren und Informatikern.

Über der Ruinenstätte an den Dardanellen schimmert der Halbmond. Auf der Bühne trägt eine Theatergruppe aus Berlin Verse aus der Ilias vor, Homers Epos vom Trojanischen Krieg. Nach der Umbaupause ein abrupter Zeitsprung: Zwei Großleinwände sind aufgebaut; davor hantieren junge Leute an zwei Computern. Im Auditorium wird es still, denn auf der rechten Leinwand ist jetzt eine Animation zu sehen: ein Rundflug über die Residenzstadt Troja, wie sie kurz vor ihrem kriegerischen Untergang um das Jahr 1200 vor Christus ausgesehen haben mag. Natürlich gab es (abgesehen vom sagenhaften Ikarus) noch keine Flugzeuge um diese Zeit. Der moderne Zuschauer mag sich vorstellen, er reise auf dem Rücken eines Storchs.

Vor der linken Leinwand setzt der Österreicher Dr. Peter Jablonka zu einem Vortrag an, der Satz für Satz ins Türkische übersetzt wird. Der 42jährige Archäologe arbeitet seit vielen Jahren in Korfmanns Ausgräberteam. Seit 2001 ist er aber auch Herr über das "Virtuelle Troja". Was es damit auf sich hat, demonstriert er in Form von Diagrammen, Plänen und Fotos auf der linken Leinwand: "Troia-VR", eine Entwicklung der Universität Tübingen und der Berliner Firma Art+Com AG, ist zum einen ein Präsentationssystem, mit dem sich 5000 Jahre wechselvoller Stadtgeschichte dreidimensional und animiert in grafischen Rekonstruktionen sichtbar machen lassen – in Museen, Ausstellungen oder bei Vorträgen.

Troia-VR ist aber auch ein Informations- und Dokumentationssystem, mit dem Archäologen effektiv arbeiten können und das für zukünftige Ausgrabungsprojekte Maßstäbe setzen wird. In Jablonkas Worten: "Ein Archiv von hunderten von Plänen, Zehntausenden von Bildern, eine Bibliothek mit tausenden von Aufsätzen und Büchern." Schliemanns Notizen und Zeichnungen sind hier ebenso eingeflossen wie die seiner Nachfolger Wilhelm Dörpfeld, Carl W. Blegen und Manfred Korfmann.

Technisch gesehen, besteht Troia-VR aus einer Datenbank, einem Geographischen Informationssystem (GIS) und archäologie-spezifischen Programmen. Mit diesen Werkzeugen kann ein Archäologe zum Beispiel Größe und Struktur verschiedener Siedlungen vergleichen, Funde und ihre räumliche Verteilung statistisch auswerten, aus einzelnen Scherben ganze Krüge rekonstruieren, Bilder für Publikationen oder Schautafeln für Ausstellungen erzeugen. Zwei Jahre Entwicklungszeit und knapp 2 Mio. € hat es gekostet, fast die Hälfte brachten die beteiligten Firmen als Eigeninvestition ein.

"Archäologie ist nicht nur Ausgraben", betont Jablonka zum Schluss seines Vortrags. "Unsere Wissenschaft folgt dem Trend zur Virtualisierung. Wir forschen immer stärker an Daten statt an Objekten, das heißt: Die Wirklichkeit wird ersetzt durch eine Informationsschicht. Das mag man gut finden oder nicht."

Unter den Zuschauern ist auch Christian Hübner (44)aus Freiburg. Der Diplom-Geologe ist zum zweiten Mal in Troja. Denn seine Firma GGH bietet eine besondere Dienstleistung für Archäologen an: Geophysische Prospektion. Das ist eine Art Bodenröntgen: Mit Magnetometern – Messgeräten, die Strukturen im Boden bis in rund zwei Meter Tiefe sichtbar machen – wird das Gelände abgescannt. Messpunkt für Messpunkt entsteht auf diese Art eine unterirdische Landkarte im Raster 50 mal 15 Zentimeter. "Wir arbeiten mit Cäsium-Magnetometern", sagt Hübner stolz, "das sind die genauesten, die es derzeit gibt."

Diplom-Physiker Hans Günter Jansen, 74, hat die Methode vor elf Jahren in Troja eingeführt. Der spät berufene Archäologe, der bis zur Frühpensionierung als Experte für Halbleitertechnologie bei IBM gearbeitet hatte, streifte jahrelang allein mit der Magnetsonde durch die Felder und Wiesen rund um den Burgberg von Troja, unter denen die Reste der ehemaligen Stadt verborgen sind. Dabei entstand ein deutliches Bild der quadratisch-regelmäßigen römischen Bebauung – "ein richtiger Stadtplan", wie Grabungsleiter Korfmann sagt.

1992 dann ein ganz sensationeller Befund: eine krumme Linie mitten im römischen Straßenkaro deutete auf eine weit frühere Stadtgrenze hin. Was die Prospektoren zunächst für eine Mauer hielten, stellte sich bei Probegrabungen als Graben aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend heraus – vermutlich ein Hindernis für angreifende Streitwagen! Die Außengrenze von Homers Troja war entdeckt.

"In diesem Jahr kartieren wir die letzten Flächen im östlichen Stadtgebiet", sagt Hübner. Während er in einer Baracke am Rande des Burghügels vor dem Bildschirm sitzt, ist sein türkischer Assistent mit dem Magnetometer in der Hitze auf den Feldern unterwegs; ab und zu meldet er sich übers Funkgerät. Hübner demonstriert, wie die Magnetometer-Messungen in aktuelle Luftbilder oder eine Satellitenkarte der NASA eingetragen werden – so zeichnet sich das Troja von gestern auf dem Troja von heute ab. Selbstverständlich werden alle Daten in Jablonkas VR-System eingepflegt.

Heinrich Schliemann wäre wohl vor Neid erblasst, hätte er Hübners Apparaturen zu sehen bekommen. Dem Pionier blieb zu seiner Zeit nichts anderes übrig, als gleich zum Spaten zu greifen. Eine 40 Meter breite und 17 Meter tiefe Schneise grub er in den völlig überwucherten Hisarlik-Hügel und zerstörte dabei die oberen Schichten. Dieser so genannte Schliemann-Graben ist heute noch deutlich sichtbar.

"Für seine Zeit war das die richtige Methode. Schliemann konnte nicht anders handeln", sagt Manfred Korfmann, während er eine Gruppe Besucher über den Burghügel führt. Der Tübinger Professor für Ur- und Frühgeschichte lässt auf den berühmten Vorgänger nichts kommen: "Die Troja-Grabungen waren schon in den ersten Jahren vorbildlich." Schliemann ließ bereits Metalle und Keramik chemisch analysieren, Pflanzenreste, Menschen- und Tierknochen untersuchen; er benutzte statistische Methoden und führte ein Tagebuch. Bei allen naturwissenschaftlichen Untersuchungen unterstützte ihn der Berliner Arzt Rudolf Virchow.

Nachfolger Korfmann, dessen Arbeit in den vergangenen 15 Jahren großzügig von Daimler-Chrysler gefördert wurde, legt ebenfalls größten Wert darauf, dass in seinem Team interdisziplinär gearbeitet wird. Auf die Naturwissenschaftler und Techniker, die ihm zuarbeiten, ist er besonders stolz.

Virchows Rolle ist im Korfmann-Team sogar doppelt besetzt: Die organischen Wissenschaften – Archäozoologie, Archäobotanik und Archäomedizin – koordiniert der Tübinger Prof. Hans-Peter Uerpmann, der sowohl Tiermedizin als auch Ur- und Frühgeschichte studiert hat. Zu den High-Tech-Methoden, die in  Uerpmanns Ressort angewendet werden, gehört neben der seit 1946 bekannten Radiokarbon- oder C14-Methode zur Datierung von Holz oder Knochen auch die Beschleuniger-Massenspektroskopie, mit der selbst ein einzelner Pferdezahn noch datiert werden kann. Selbstverständlich werden solche Feinmessungen nicht während der sommerlichen Grabungskampagnen in Troja angestellt, sondern in diversen physikalischen Labors zur Winterzeit.

Der andere Virchow-Nachfolger ist Prof. Ernst Pernicka aus Freiberg/Sachsen. Der gebürtige Wiener hat Chemie studiert und sich auf Mineralogie spezialisiert. Seit mehr als zwanzig Jahren bereist er antike Berg- und Hüttenwerke in ganz Europa und Asien, um zu erforschen, woher die Metalle kommen, die in Troja gefunden werden. Zur Analyse seiner Proben benutzt er High-Tech-Verfahren wie Isotopen-, Röntgenfluoreszenz- und  Neutronenaktivierungsanalyse.

Mit diesen Hilfsmitteln ist er einem Rätsel auf der Spur, das sich ebenfalls schon Schliemann gestellt hat: Woher kam das Zinn, das die Trojaner für ihre Bronze verwendeten? "Meine Messungen deuten auf Mittelasien – Kirgisien, Kasachstan oder Tadschikistan", sagt Pernicka. Im zweiten und dritten Jahrtausend vor Christus waren die Handelswege schon sehr ausgedehnt!

Eine Frage kann der reisende Mineraloge noch nicht beantworten: Woher stammt das Gold, das Schliemann gefunden hat? "Das ist eine offene Frage", sagt Pernicka. Sicher nicht die einzige, die nach 132 Jahren Troja-Archäologie zu erforschen bleibt.

JUDITH RAUCH

http://www.uni-tuebingen.de/troia/deu/index.html

http://www.uni-tuebingen.de/troia/vr/



Methode: Geomagnetische Prospektion

Das Grundprinzip der Methode, die auch bei der Suche nach Erzlagerstätten angewandt wird, beruht auf der Beobachtung, dass die Stärke des erdmagnetischen Feldes von den normalen Werten der Umgebung abweicht, wenn ein Fremdkörper im Boden liegt. Solche Feldstärke-Anomalien erscheinen nicht nur über Eisenobjekten (in Troja wurde auch schon einmal ein vergrabener Traktor auf diese Art gefunden), sondern ebenso über Gräbern, Siedlungsgruben, Mauerfundamenten, Wasserleitungen und Brennöfen. Positive Abweichungen rühren beispielsweise von gebrannten Tongegenständen oder Lehmziegeln her, die magnetisch wirksamere Mineralien enthalten. Dagegen enthalten manche Gesteine kaum Eisenoxide und reagieren deshalb negativ. (jr)


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