Judith Rauch schreibt: Psychologie heute, Juli 2001

Fortschritt:

"Wir müssen in bestimmtem Umfang Risiken auf uns nehmen"

Der Soziologe Michael Zwick über Technikängste und Politikverdrossenheit

Psychologie heute: Herr Zwick, Sie haben zusammen mit Kollegen festgestellt, dass die Abwägung von Nutzen und Risiko bei der Bewertung einer Technik nicht die einzige Dimension ist. Welche Gefühle löst Technik aus?

Michael Zwick: Da muss man zunächst die Techniken unterscheiden und in mindestens drei Klassen einteilen. Klasse eins ist die Alltags-, Haushalts-, Freizeit- und Produkttechnik. Niemand hat etwas gegen Hi-Fi-Anlagen, Waschmaschinen, Gefrierschränke und dergleichen. Im Gegenteil: Diese Geräte haben das Leben der Menschen sehr erleichtert. Viele lösen regelrecht Freude aus. Man kann mit dem Computer spielen. Man kann mit dem Auto oder dem Handy Status und Prestige demonstrieren. Es gibt Technik, die zeigt, dass man in ist, und Technik, die großen Nutzen hat. Ich freue mich zum Beispiel jeden Abend, wenn ich die Geschirrspülmaschine anwerfe.

PH: Also keine Akzeptanzprobleme bei der Alltagstechnik?

Zwick: Nein. Deutschland ist wie kaum ein anderes Land auf der Welt mit diesen Produkten ausgestattet. Von Technikfeindlichkeit kann hier überhaupt keine Rede sein. Die Leute mögen diese Technik, sehen den Nutzen und kaufen sie. Klasse zwei ist die Technik im Arbeitsleben. Da kann es schon eher Widerstände geben. Ich denke an den Computer in den 80er Jahren. Damals spielte auch die Risikokommunikation eine Rolle. Die Gewerkschaften hatten viele Gegenargumente: Die Monitore strahlen. Die grünen Bildschirme schaden den Augen. Der Rücken leidet. Die Arbeit wird monoton. Die Beschäftigten werden dequalifiziert. Und: Wird der Computer nicht unsere Jobs killen? Die Ängste waren nicht nur direkt auf die Technik bezogen, sondern auch auf die Technikfolgen. Alles in allem werden aber neue Techniken im Arbeitsleben nach einer gewissen Zeit sehr positiv aufgenommen. Wir sind da im europäischen Vergleich nicht negativer eingestellt als andere Nationen. Aber es dauert manchmal etwas länger, bis sich der Deutsche an neue Techniken gewöhnt.

PH: Was ist mit Kernenergie und Gentechnik?

Zwick: Die gehören zur Klasse drei, und da wird es mit den Emotionen interessanter: Technik, die als Groß- und Risikotechnik wahrgenommen wird. Aber auch hier muss man unterscheiden: Solaranlagen und Windparks lassen sich als Großtechnik planen, werden aber als "weiche Technik" wahrgenommen. Fast 98 Prozent der Deutschen befürworten die Sonnen- und die Windenergie. Hier findet man allenfalls örtlich so etwas wie lokalen Betroffenheitsaktivismus nach dem Muster des NIMBY-Syndroms: not in my back yard! Zu Deutsch: Umweltverträgliche Technik ja, aber bitte nicht in meinem Hinterhof! Da wird dann zum Beispiel die "Verspargelung der Landschaft" durch Windkraftanlagen befürchtet.
Bei den Großtechniken, die als Risikotechniken eingestuft werden, spielt Angst eine große Rolle. Vor der Kernenergie haben unserer Studie zufolge 48 Prozent der Männer und 74 Prozent der Frauen Angst. Bei der Gentechnologie sieht es ähnlich aus: 38 Prozent der Männer und 64 Prozent der Frauen haben Angst.

PH: Angst vor was?

Zwick: Bei der Kernenergie ist ein klassischer Fall: Die Leute haben Angst davor, bei Störfällen um ihre Gesundheit oder gar um ihr Leben gebracht zu werden. Bei der Gentechnik ist es etwas ganz anderes: Da erstreckt sich die Angst fast nie auf das technische Risiko, sondern auf soziale Gefährdungen.
In qualitativen Interviews wird immer wieder gesagt: Wir haben Angst vor Übergriffen der Wissenschaft, vor dem Designen und Klonen menschlichen Lebens. Angst, dass Arbeitgeber oder Versicherungen die Gentechnik missbrauchen könnten. Oder dass Menschen mit einem Gendefekt keine Lebensversicherung mehr bekommen. Dass die Toleranz gegenüber Behinderten zurückgeht. Dass Eltern Schuld zugeschrieben wird, weil sie solches Leben zugelassen haben. Die Menschen haben Angst vor einer neuen Eugenik. Nicht wenige der Befragten fühlen sich mit Grausen an die Verhältnisse im Dritten Reich erinnert.
In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit gibt es bei Wissenschaft und Forschung keine Kontrolle und kein Halten. Was hierzulande verboten ist, wird woanders gemacht und breitet sich von dort aus. Die Globalisierung droht gewohnte Standards außer Kraft zu setzen.

PH: Und doch wird die "rote Gentechnik", also die medizinische Anwendung, nicht nur negativ gesehen.

Zwick: Richtig. Viele Menschen verbinden damit regelrecht euphorische Hoffnungen, zum Beispiel die Aussicht, Aids und Krebs heilen zu können. Dabei unterscheiden sie klar zwischen der Gentechnik am erwachsenen Menschen, der autonom entscheiden kann, ob er eine Therapie zulässt oder nicht, und der pränatalen Anwendung: Embryonen können sich nicht wehren!

PH: Und was ist mit der "grünen Gentechnik"? Lebensmittel aus genverändertem Mais oder Soja sind ja äußerst unpopulär und werden nicht gekauft. Warum nicht?

Zwick: Auch hier sehen die Verbraucher im Grunde genommen nicht so sehr das gesundheitliche oder ökologische, sondern ein soziales Risiko: dass die Autonomie des Verbrauchers untergraben wird, wenn Lebensmittel nicht oder nicht ausreichend gekennzeichnet werden. Außerdem wird diesem Anwendungsfeld der Sinn und Nutzen abgesprochen; wir leben schließlich auf einem Kontinent, der eher durch Überernährung als durch Mangel gekennzeichnet ist. Der Vorteil, der dem Produzenten, dem Groß- oder Einzelhandel entsteht, ist dem Konsumenten egal. Dass die Tomaten außen prall und innen zermatscht sind und nach drei Wochen immer noch im Regal liegen, quittiert der Verbraucher eher als Betrug.

PH: Die meisten Vorbehalte beruhen offensichtlich auf ethischen Werturteilen, auf Werten, die den Menschen wichtig sind, wie Toleranz, Solidarität, Autonomie…

Zwick:…Fairness, Gerechtigkeit, auch Verteilungsgerechtigkeit zwischen Nutzen und Risiken.

PH: Die Menschen haben also Angst, dass Wissenschaftler und Industrie gegen die Werte der Gesellschaft verstoßen könnten.

Zwick: Richtig. Und damit sind häufig Emotionen verbunden. Wir leben in einer Gesellschaft, die mit einem Nullrisiko nicht auskommen kann. Da müssten wir alle verhungern. Wir brauchen Technik und müssen in bestimmtem Umfang ihre Risiken auf uns nehmen. Die Frage ist: welche Techniken? Und welche Risiken erscheinen den Menschen akzeptabel?
Die Öffentlichkeit achtet sehr darauf, wie eine Großtechnik eingeführt und wie ihre Risiken kommuniziert werden. Dabei sind die Schlüsselvariablen Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Offenheit und Fairness. In den vergangenen Dekaden sind Großtechniken oftmals hinter dem Rücken der Bevölkerung eingeführt worden. Mit ein wenig PR wurde dann versucht, die Wogen wieder zu glätten. Diese Strategie war kurzfristig sogar erfolgreich. Auf die Dauer aber hat sie das Vertrauen in Großtechniken nachhaltig zerrüttet.

PH: Woher wissen Sie das?

Zwick: Das stellt man fest, wenn man heute irgendein großtechnisches Projekt zu etablieren versucht, also Anlagen aus der Kerntechnik, der Gentechnik, der Chemie, der Abfallwirtschaft oder der Rüstungsindustrie. Solche Anlagen stoßen zumeist auf heftige Widerstände.
Wir haben das auch bei unserer Umfrage für die Studie Wahrnehmung und Bewertung von Technik in Baden-Württemberg erhoben. Wir fragten: Was würden Sie tun, wenn Sie mit der Entscheidung, dass so eine Anlage bei Ihnen gebaut wird, nicht einverstanden wären? Nur 18 Prozent würden dagegen nichts unternehmen. 80 Prozent würden sich an einer Unterschriftenaktion beteiligen, 78 Prozent an einer Bürgerversammlung, 64 Prozent an einer genehmigten Demo teilnehmen, und 50 Prozent würden bei einer Bürgerinitiative mitmachen. Zu prozessieren ziehen 33 Prozent in Erwägung.
Und auch unkonventionelles Protestpotenzial wird laut: An einer ungenehmigten Demo teilzunehmen, ziehen 22 Prozent in Betracht; den Bauplatz zu besetzen, zwölf Prozent; Bauarbeiter zu behindern, acht Prozent, und Maschinen zu zerstören, drei Prozent.

PH: Donnerwetter! Ganz schön radikal!

Zwick: Also: Wer heute versucht, eine Technik einzuführen oder ein Großprojekt aufzuziehen, ohne die Bürger fair, offen und rechtzeitig zu beteiligen, sie von dem Nutzen zu überzeugen und davon, dass mit den Risiken sorgfältig umgegangen wird – mit anderen Worten: Vertrauen aufzubauen –, der muss mit einer Blockadehaltung rechnen, wie man sie in jüngerer Zeit mehrfach kennen gelernt hat.

PH: Die Kernenergie, die wohl die heftigsten Proteste ausgelöst hat, ist ja nun auf dem Rückzug. Kann es sein, dass diese Technik nicht wegen ihrer inhärenten Risiken abtreten musste, sondern weil Fehler bei ihrer Einführung gemacht wurden?

Zwick: Wenn man auf die Daten schaut, hat die Mehrheit der Leute Angst vor dem Katastrophenpotenzial der Kernenergie. Sie hat in zweiter Linie Bedenken bezüglich der Lagerung radioaktiver Abfälle. Selbst wenn heute alle Kernkraftwerke stillgelegt werden, ist das Problem der Abfälle noch Jahrtausende lang virulent.

PH: Also liegt es doch an den Risiken?

Zwick: Zum einen an den Risiken. Zum anderen aber auch an der Frage: Wie wird mit Kernkraft umgegangen? Tschernobyl war für die deutsche Öffentlichkeit ein schwerer Schock, aber noch nicht das Aus für die deutsche Kernkraft. Der Unfall war in der Sowjetunion geschehen, nicht bei uns.
Größer war der Schock, als Ende 1987 der Hanauer Plutoniumskandal ans Licht kam. (Anm. d. Red.: Damals kam heraus, dass bei Atommülltransporten im Auftrag der Hanauer Firma Transnuklear statt der deklarierten schwach radioaktiven Abfälle Plutonium quer durch Europa transportiert worden war.) Hanau hat in den Augen der Öffentlichkeit den Nimbus zerstört, dass hierzulande mit Kerntechnik und Spaltmaterial besonders sorgfältig umgegangen wird.
Die Einstellungen der Bevölkerung zur Kerntechnik haben sich von dem Doppelschlag Tschernobyl und Hanau bis heute nicht wieder erholt. Überhaupt ist die Bewertung von Technik nichts Kurzfristiges, sondern tief in den Einstellungen und Werthaltungen der Bürger verankert. Am Bild der Kernenergie wird sich daher in absehbarer Zeit nichts Grundlegendes ändern.

PH: Halten Sie ein Comeback der Kernenergie also für ausgeschlossen?

Zwick: Richtig. Tschernobyl und Hanau haben zu einer dauerhaften Stigmatisierung dieser Technik geführt.

PH: Was würden Sie denn für die Gentechnik prognostizieren?

Zwick: Momentan sind die Einstellungen der Bevölkerung zur Gentechnik sehr gespalten, sehr ambivalent. Wenn man die bisherige Haltung in die Zukunft weiterdenkt, sind zwei Entwicklungen zu erwarten: Bei der roten, medizinischen Gentechnik wird es sehr große Akzeptanz geben. Denn auf die Beseitigung von lebensbedrohlichen Krankheiten setzt die Bevölkerung große Hoffnungen. Die Begeisterung könnte allerdings gedämpft werden, wenn in einigen Jahren keine Erfolge erzielt werden.
Bei der grünen Gentechnik könnte es den Produzenten vielleicht gelingen, etwas Interessantes anzubieten. Ich fantasiere jetzt einmal: Fett, das nicht fett macht. Oder einen Apfel, der gut ist gegen Falten. Ich könnte mir vorstellen, dass viele Leute davon begeistert wären und das kaufen würden. Wenn es allerdings dabei bleiben sollte, dass Nahrungsmittel ohne erkennbaren Nutzen für den Verbraucher verändert werden, wenn sie außerdem nicht gekennzeichnet sein sollten, dann wird den Produzenten weiterhin eine Woge der Ablehnung entgegenrollen.

PH: Die Industrie hat es derzeit schwer, Vertrauen zu finden. Sie haben festgestellt, dass der Industrie in Risikofragen gerade einmal 17 Prozent der Bevölkerung glauben, also ungefähr ein Sechstel. Der Politik glauben 20 Prozent, ein Fünftel.

Zwick: Das ist vielleicht einer unserer wichtigsten Befunde. Die Befragten sind in ihrer Mehrzahl weder technikfeindlich noch risikoscheu. Aber Teile der Öffentlichkeit sind verdrossen darüber, wie in Technik- und Risikofragen mit ihnen umgegangen wird. Das unterstreicht die Bedeutung einer gelungenen Risikokommunikation. Und zwar nicht nur als bloße PR-Maßnahme, sondern als faires Angebot zur Mitbestimmung. Industrie und Politik sollten in einen echten Dialog mit den Bürgern eintreten und ihnen schon klar machen, dass man weder auf innovative Technik noch auf Risiko verzichten kann. Aber sie sollten sich auch Zugeständnisse abhandeln lassen und Antworten geben: Wie hoch und wie zahlreich sind die Risiken? Welche Kontrollen finden statt? Ziel muss sein, in einem offenen Diskurs ein faires Arrangement auszuhandeln.

PH: Und Sie meinen, da ist noch Boden gutzumachen?

Zwick: Das ist ein langfristiger und aufwändiger Prozess. Und er ist vom Ergebnis her offen. Er kann auch dazu führen, dass bestimmte Techniken oder Anwendungsfelder aufgegeben werden müssen. Wie gesagt, ich glaube nicht, dass bei der Kerntechnik noch Boden gutzumachen ist. Aber bei anderen Technologien durchaus.

PH: Wie kann das aussehen?

Zwick: Es gibt in Deutschland den so genannten "Bulldozereffekt". Der Bürger hört: Da soll es irgendwo ein großes Projekt geben. Na ja, es wird schon nicht so schlimm kommen, denkt er sich, warten wir mal. Und irgendwann kommen die Bulldozer, um den Baugrund auszuheben. Dann wird womöglich der Aufstand geprobt, der Bauplatz besetzt, und im schlimmsten Fall werden die Maschinen demoliert. In dem Moment ist es zu spät. Dann sind die Fronten so verhärtet, dass Blockade droht. Man muss schon ein paar Monate oder Jahre früher miteinander reden.

PH: Sie begleiten solche Dialoge.

Zwick: Ja, die Akademie für Technikfolgenabschätzung bietet runde Tische, Mediations- und Moderationsverfahren an, die zwar nicht in jedem Fall, aber in vielen Fällen zum Erfolg führen.

PH: Können Sie ein Beispiel nennen?

Zwick: Nach einer neuen Richtlinie darf Müll nicht mehr exportiert werden, sondern muss vor Ort entsorgt werden. In Diskussionsrunden vor Ort, so genannten Beteiligungsverfahren, geht es dann zum Beispiel um die Wahl des Verfahrens der Müllentsorgung, um die Größe der projektierten Anlagen, um die Standorte, die Infrastruktur, die man dazu braucht. Und natürlich um die direkten und indirekten Gefährdungen: Boden-, Luft- oder Wasserverschmutzung, die Verschandelung der Landschaft. Dass Wohneigentum an Wert verliert. Oder dass Zu- und Abfahrtswege gebaut werden und Belastungen bringen. Das Beispiel des Beteiligungsverfahrens Nordschwarzwald zeigt, dass Bürger durchaus zu vernünftigen Kompromissen fähig sind. Was aber oftmals nicht funktioniert, ist die politische Berücksichtigung des Bürgerwillens. Die Bürger machen das dann genau ein Mal mit. Ein zweites Mal kann man sie für einen solchen strapaziösen Prozess, in dem sie auch Freizeit opfern müssen, wohl nicht mehr gewinnen.
Wenn wir schon über Politikverdrossenheit sprechen: Hier könnte die Politik aufholen. Das würde aber bedeuten, dass die Politiker ein klein wenig von ihrer Macht an die Öffentlichkeit abgeben. Vor allem bei Projekten, in denen es Direktbetroffene gibt. Diese in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen wäre fair, legitim und vielleicht auch für das politische System ein Erfolg.

INTERVIEW: JUDITH RAUCH


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Michael Zwick

Dr. Michael Zwick hat Soziologie und Sozialpsychologie studiert. Er arbeitet an der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg und lehrt an der Universität Stuttgart. Der Experte für Risiko- und Technikwahrnehmung hütet in seinem Computer eine große Katastrophendatenbank.

 

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