Judith Rauch schreibt: Bild der Wissenschaft Juli 2003

Bat Woman - Elisabeth Kalko

Die führende Fledermaus-Forscherin ist eine der jüngsten Professorinnen Deutschlands und ein Vorbild für die neue Generation junger Biologinnen.

Wer an der Universität Ulm in der Abteilung für Experimentelle Ökologie der Tiere auf Elisabeth Kalko trifft, hält sie wohl nicht gleich für die Lehrstuhl-Inhaberin. Die zierliche Person mit den schulterlangen, welligen Haaren, der lila Cordbluse und den Jeans geht leicht als späte Studentin durch. Beim Gespräch hält sie einen Kaffeebecher in der Hand, auf dem „Elisabeth die Mächtige“ steht. Und mächtig ist sie: Als 40-Jährige auf einem C4-Lehrstuhl. Als Wissenschaftlerin mit beeindruckendem Lebenslauf und einem Ruf wie Donnerhall in der zoologischen Fachwelt, den sie bahnbrechenden Forschungsarbeiten über Verhalten und Ökologie von Fledermäusen verdankt. Aber man sieht ihr die Macht nicht an.

Elisabeth Kalko lächelt viel. Und sie spricht so ehrlich und mit so viel Emotion über sich und ihren Beruf, wie das ein Mann kaum tun würde. „Ja, das ist schon ein Traum, der wahr geworden ist“, sagt sie über die Professur, die sie seit dem 1. Januar 2000 innehat. „Das Klima hier an der Uni ist Klasse!“ Doch schon im nächsten Satz klagt sie über das „tödliche Arbeitspensum“, über Tage im Institut, die um 8.30 Uhr beginnen und um 23 Uhr enden, über Jahre, in denen sie gerade mal einen Urlaubstag für private Dinge genommen hat. Vieles Neue stürzte gleichzeitig auf die Forscherin ein, als sie 37-jährig an die Universität Ulm berufen wurde: die Aufgabe, Lehrveranstaltungen zu entwickeln, Verwaltung, Personalführung, Anträge, Gremienarbeit und zusätzlich die Evaluierung des Fachbereichs Biologie für das Kultusministerium in Stuttgart.

Sie hat alles geschafft. Aber um welchen Preis? „Das Nachdenken kommt zu kurz“, sagt die Professorin, die sich manchmal nach stillen Nächten allein mit den Fledermäusen sehnt. „Ich komme nur noch selten zu etwas Eigenem. Ständig bin ich für andere verantwortlich.“ Da bleibt wenig Zeit für Privates: ins Kino gehen, Lesen und die Beschäftigung mit islamischer Kunst und Kultur, für die sich Kalko sehr interessiert, sowie ihre privaten Beziehungen, über die sie nicht reden mag. Also doch kein Traumberuf?

„Oh doch!“, protestiert sie. Gerade die intensive Arbeit mit den Studenten und Doktoranden mache ja auch großen Spaß! „Weil ich Ideen weitertragen kann. Und weil ich anderen Mut machen kann, in den Naturwissenschaften ihre eigenen Vorstellungen umzusetzen!“ Auch die Tatsache, dass sie jetzt eine feste Stelle habe, mache den Stress erträglicher. „Das gibt mir Kraft.“ Wie viele junge Wissenschaftler hat sie sich jahrelang von Projekt zu Projekt, von Stipendium zu Stipendium gehangelt. „Jetzt kann ich mich frei bewegen und inhaltlich das machen, was mich begeistert.“

Experimentelle Ökologie – das ist Forschung in globalen Zusammenhängen. Kalkos Diplomanden und Doktoranden forschen an Bibern in Baden-Württemberg, an Girlitzen in Spanien, an Flughunden an der Elfenbeinküste, an Fledermäusen in Mexiko oder Panama. Natürlich schaut ihre akademische Betreuerin dort vorbei. „Manchmal schieben sich die Eindrücke wie Dias übereinander“, sagt sie. „Dann glaube ich in schwäbischen Kirschbäumen südamerikanische Tukane zu sehen.“

In all ihren Projekten geht es um Biodiversität – um die Artenvielfalt in Regenwäldern und Savannen und um die Bedrohungen, denen diese Lebensräume ausgesetzt sind. In dem vom Bundesforschungsministerium geförderten BIOTA-Projekt in Afrika untersuchen sie und ihre Kollegen, wie sich Ökosysteme durch Eingriffe des Menschen verändern, etwa durch Ackerbau, Viehzucht und Jagd, und wie sich natürliche Systeme und Nutzungskonzepte vereinbaren lassen. Eine hochpolitische Aufgabe. „Es geht nicht um Gänseblümchen, sondern um unser Überleben“, meint Kalko.

Dabei hat alles klein angefangen. Wenn auch nicht mit Gänseblümchen, so doch mit Vögeln und Kröten. Elisabeth Kalko wurde 1962 in Berlin geboren, zog aber im Alter von knapp zwei Jahren mit den Eltern nach Heilbronn am Neckar, wo sie zwischen Weinbergen aufwuchs. „Dort wurde ich früh mit der Problematik konfrontiert, was wir mit unseren Landschaften anstellen“, sagt die Biologin. Die Weinberge wurden nach ökonomischen Kriterien umgestaltet, die alten Mäuerchen herausgerissen – und das hatte Auswirkungen auf die dort wachsenden Wildkräuter, auf Insekten, Eidechsen und Vögel. Eli, wie sie seit Kindesbeinen genannt wird, wurde mit 15 Mitglied im Bund für Vogelschutz und eine fleißige Umweltaktivistin. Mit einer Gruppe von etwa 20 Mitstreitern baute sie entlang einer Autostraße Krötenzäune auf, um die Amphibien auf ihren Wanderungen vor dem Überfahren zu schützen.

Irgendwann begannen sich Zoologen von der Universität Karlsruhe für die Aktionen der Heilbronner Jugendlichen zu interessieren. Sie wollten es genauer wissen: „Bringt das denn etwas?“ Also zogen sie den Kröten Jäckchen mit kleinen Sendern an und verfolgten sie bis zu den Laichplätzen, um den Fortpflanzungserfolg zu kontrollieren. Prompt trat ein neues Umweltproblem zutage: „Durch den sauren Regen starb der Laich ab, und die Kaulquappen schlüpften nicht.“ Für Eli Kalko war das eine prägende Erfahrung: ihre Einführung in die experimentelle Ökologie mit wissenschaftlichem Anspruch. War damit ihr Berufsweg vorgezeichnet? Keineswegs. „Es gab Zeiten, da hätte ich die Biologie fast aufgegeben“, erinnert sie sich an ihre Berufswahl und Studienzeit. „Und andere Zeiten, da hätte ich die Freilandforschung fast aufgegeben.“ Damals habe bei ihr der Bauch gegen den Kopf gestritten – Zukunftssorgen plagten sie, monatelang, jahrelang. Denn die Berufsaussichten für Biologen waren in den achtziger Jahren alles andere als rosig.

Eli Kalko studierte in Tübingen. Sie litt unter der Anonymität im Massenfach Biologie und darunter, dass viele ihrer Kommilitonen nur wenig Interesse an dem Aspekt der Biologie hatten, der sie selbst am meisten faszinierte: die Vielfalt der Organismen. Aber – und das passierte ihr oft im Leben: „Im entscheidenden Moment traf ich stets auf Leute, die mir Möglichkeiten aufzeigten.“

Der Zoologie-Professor Wilhelm Harder lädt sie zu einer meeresbiologischen Exkursion ein, die eigentlich für fortgeschrittene Studenten gedacht ist. Dort trifft sie auf den Zoophysiologen Prof. Hans-Ulrich Schnitzler. „Ich sprach sie an, weil sie ein wenig still und isoliert im Bus saß, und sie erzählte mir von ihren Zweifeln an der Biologie“, erinnert sich Schnitzler. „Im weiteren Verlauf der Exkursion fiel mir dann Elisabeths fantastische Begabung für Naturbeobachtung auf. Sie kann Tiere in ihrer Umwelt blitzschnell erfassen, sich die Zusammenhänge merken und auf diese Weise enormes Wissen akkumulieren. So etwas ist sehr selten.“

Schnitzler, für seine Experimente an Fledermäusen ebenso bekannt wie für seine Strenge als akademischer Lehrmeister, wirbt um die begabte Studentin, die im Hauptstudium von der Studienstiftung des Deutschen Volkes gefördert wird: „Ich möchte dich ja nicht beeinflussen. Aber es wäre schön, wenn du deine Diplomarbeit bei mir machen könntest. Wir brauchen jemanden fürs Freiland.“

Doch Eli Kalko hat zu der Zeit noch andere Interessen. Sie jobbt als wissenschaftliche Hilfskraft am Tübinger Max-Planck-Institut (MPI) für Entwicklungsbiologie, hilft bei Forschungen an der Regeneration optischer Nerven beim Goldfisch. Am MPI wird sie von der Wissenschaftlerin Claudia Stürmer betreut, die heute als Professorin in Konstanz forscht und lehrt. „Sie war mir Vorbild als Frau in der Wissenschaft“, sagt Elisabeth Kalko. „Bei ihr konnte ich erproben, ob mir das auch liegt, das wissenschaftliche Arbeiten. Ob ich es aushalte, monatelang am gleichen Projekt zu arbeiten. Ich konnte meine Grenzen austesten.“

Als ihr dann auch noch Prof. Friedrich Bonhoeffer, einer der damaligen Direktoren am MPI für Entwicklungsbiologie, eine Diplomarbeit anbietet, ist sie wieder im Dilemma: Entwicklungsbiologie oder Zoologie? Goldfisch oder Fledermaus? Labor oder Freiland? Nach langem Überlegen entscheidet sie sich für Schnitzler und die Fledermäuse. „Diese Art Forschung, draußen in der Natur, hat mich einfach am meisten begeistert. Ich wollte, dass sie ein Teil meines Lebens bleibt.“ Schnitzler stellt ihr eine anspruchsvolle Aufgabe: Sie soll erstmals im Freiland eine von ihm entwickelte Apparatur einsetzen, mit der man Flug und Beutefang der nachtaktiven flinken Flatterer in einzelnen Phasen fotografieren und dreidimensional rekonstruieren kann.

Gleichzeitig mit den Bildern sollen die Echo-Ortungsrufe der Tiere aufgezeichnet werden – mit so genannten Fledermaus-Detektoren. Das sind Geräte, die den Ultraschall, den Fledermäuse mit Mund oder Nase produzieren, über ein spezielles Mikrofon aufnehmen und dann auf einem Tonband oder digitalen Speicher aufzeichnen. Gleichzeitig werden in einem separaten Vorgang die hohen Frequenzen so herabgesetzt, dass die Rufe für menschliche Ohren hörbar werden.

Elisabeth Kalko macht sich furchtlos an die Arbeit. „Ich bin nicht der Typ, der über einem Schaltplan ins Schwärmen gerät“, sagt die Tochter eines Ingenieurs und einer Betriebswirtin. „Aber die ausführlichen Diskussionen mit Schnitzler und den Technikern im Institut haben mir geholfen, die Apparatur zu verstehen und weiterzuentwickeln.“ Das optische System besteht aus zwei Kleinbildkameras und zwölf Blitzlichtern. Die Blenden der Kameras bleiben geöffnet, während die Blitzlichter in rascher Folge eine vorbeifliegende Fledermaus beleuchten. Auf diese Weise entsteht – mit einigem Glück – eine Bewegungsstudie: ein Foto, auf dem 50 Millisekunden Fledermausflug durch bis zu 36 Momentaufnahmen aufgezeichnet sind. Heute ist das „Multi-Flash-Kamerasystem“ aus Tübingen Standard in der Fledermausforschung. „Eli Kalko hat die Technik wesentlich vorangetrieben“, sagt Björn Siemers, ein 30-jähriger Zoologe an Schnitzlers Lehrstuhl, der die Methodik aufgegriffen hat.

Die Biologin setzt das Gerät 1986 zum ersten Mal im Freiland ein – in den Rheinauen von Karlsruhe, wo sie für ihre Diplomarbeit Wasserfledermäuse fotografiert. In den Jahren 1988 bis 1990 schleppt sie ihre Ausrüstung nach Spanien, Portugal, Griechenland, Schweden, Dänemark und Frankreich – stets auf der Spur von drei Arten von Zwergfledermäusen, an denen sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten untersucht. „Diese Arbeiten sind Klassiker geworden und werden viel zitiert“, sagt Siemers. Die Forscherin zieht es noch weiter in die Ferne. Ihr Doktorvater macht sie mit Charles Handley bekannt – einem 1924 geborenen amerikanischen Zoologen, Kurator für Säugetiere an der renommierten Smithsonian Institution in Washington. Seit den siebziger Jahren erforscht er die Fledermäuse von Barro Colorado Island – einer Insel, die beim Bau des Panama-Kanals entstand und seit 1923 unter Naturschutz steht. Die Insel beherbergt eine hervorragend eingerichtete Feldstation und ist Teil des bekannten Smithsonian Tropical Research Institutes. „Handley war ein Naturforscher vom alten Schlag“, sagt Elisabeth Kalko, „aber sehr interessiert an neuen Techniken.“ Der Amerikaner ist im Juni 2001 gestorben. In einer Kurzbiographie, die er für eine Biologielehrer-Webseite geschrieben hat, kann man aber nachlesen, wie er die Begegnung empfunden hat: „1990 traf ich Elisabeth Kalko, Doktorandin einer deutschen Universität. Sie war ausgerüstet mit den weltweit fortgeschrittensten maßgefertigten elektronischen Instrumenten zum Aufnehmen der Ultraschall-Laute von Fledermäusen, und sie war eine Meisterin in ihrem Gebrauch.“

Die beiden werden ein Team, leiten gemeinsam Forschungsprojekte über Fledermausgemeinschaften in Panama, Venezuela und Brasilien. „Dabei stoßen wir immer noch häufig auf neue, bisher unbeschriebene Arten“, vermerkte Handley. Auch im vergangenen Jahr hat Elisabeth Kalko wieder mehrere Wochen in Nord-, Mittel- und Südamerika verbracht.

Anfang August trafen sich rund 550 Tropenbiologen aus aller Welt zu einer Tagung in Panama. „Da konnte man Leute kennen lernen, deren Namen man sonst nur auf Veröffentlichungen liest“, freut sich die Wissenschaftlerin. Danach schaute sie sich neugierig die jüngsten Entdeckungen ihrer Diplomanden und Doktoranden auf Barro Colorado Island an. „Da gibt es eine Sackflügelfledermaus, die zu unserem Erstaunen Klicklaute produziert wie sonst nur Flughunde“, begeistert sie sich. „Eine kleine Fledermaus mit großen Ohren haben wir mit einer Infrarot-Videokamera verfolgt. Dabei stellten wir fest, dass sie nachts ruhende Libellen findet und fängt. Außerdem frisst sie riesige behaarte Raupen und spuckt die giftigen Teile sofort aus.“ Nicht zum ersten Mal stand Elisabeth Kalko dabei selbst vor der Kamera. Ein amerikanisches Filmteam besuchte sie – das Thema lautete „Frauen in der Fledermausforschung“. Kalko und drei Kolleginnen werden in dem TV-Film, der in den USA , aber auch in Europa ausgestrahlt werden soll, als „Bat Women of Panama“ porträtiert. Auch in einem amerikanischen Kinderbuch wurde die deutsche Zoologin samt ihren Forschungsobjekten schon vorgestellt.

Kein Wunder, dass Kalkos Ulmer Studentinnen von ihrer Professorin begeistert sind. Stefanie Bacher und Denise Emer, die im Grundstudium ein Praktikum bei ihr gemacht haben, überbieten sich mit Lobpreisungen: „Sie ist immer gut gelaunt und nie genervt.“ – „Total engagiert, auch wenn man noch ein Erstsemester ist.“ – „Mit ihr kann man ganz normal reden.“ – „Und sie bemüht sich wirklich, in den Praktika Neues zu bieten. Sie tut mehr, als sie müsste.“ Ein Vorbild als Frau in der Wissenschaft? „Auf jeden Fall!“


JUDITH RAUCH



Kompakt

Geboren am 10. April 1962 in Berlin, wächst Elisabeth Kalko ab 1964 in Heilbronn auf.

Als junges Mädchen schützt sie Kröten.

Von 1981 bis 1991 studiert sie Biologie in Tübingen.

Als Doktorandin der Biologie perfektioniert sie einen Apparat, mit dem man Fledermäuse bei Nacht im Flug fotografieren kann.

1991 bis 1993 ist sie Stipendiatin an Smithsonian-Instituten in Washington und Panama, weitere Forschungsprojekte in Mittel- und Südamerika folgen.

Mit 37 Jahren wird sie Professorin.

Sommer 2002: Kalko wird Filmstar in „Bat Women of Panama“, einer US-Fernsehproduktion.



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