Judith Rauch schreibt: Bild der Wissenschaft Februar 2005

Christian Keysers - Der Spiegelprinz

Er sieht aus wie ein Filmstar, wurde mit 30 schon Professor und beschäftigt sich mit einem der heißesten Gebiete der Hirnforschung: den Spiegelneuronen. Muss ein solcher Mensch nicht unerträglich arrogant sein? Muss er nicht. 

Sie fallen auf: Die beiden jungen Männer, die auf dem Nürnberger Symposium über "Gehirn und Emotion“ die Köpfe zusammenstecken. Sie sehen so anders aus als die anderen Doktoren, Professoren und Experten, die hier herumlaufen. So jung. So schick, eloquent und selbstbewusst. Ist das die Forschergarde von morgen? Kann Wissenschaft so trendy sein?

Der eine stellt sich als Journalist heraus: Bas Kast, um die 30 und Wissenschaftsredakteur beim Berliner Tagesspiegel. Vor seinem aktuellen Bestseller "Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt“ hat er ein anderes viel beachtetes Buch geschrieben: "Revolution im Kopf“, in dem es um die Zukunft der Hirnforschung geht. Ein kenntnisreiches Buch. Die Widmung lautet: "für Christian, das Genie“.

Christian, das Genie, das ist der andere junge Mann: Christian Keysers, Psychologe, Hirnforscher, ebenfalls etwa 30 Jahre alt. Er wird auf dem Symposium über Spiegelneuronen sprechen, sein Spezialgebiet. Das sind sensationelle Hirnzellen, die erst vor wenigen Jahren entdeckt wurden: Sie funken ihre Signale nicht nur, wenn wir etwas Bestimmtes tun wollen oder fühlen, sondern auch wenn wir die entsprechenden Handlungen oder Gefühle bei anderen nur beobachten. "Mitgefühl – das ist in unseren Hirnzellen verankert“, sagt der Psychologe. "Wir brauchen keine christliche Erziehung dafür.“

Und er spaziert im Designer-Anzug über die Bühne, während er seine Powerpoint-Präsentation an die Wand wirft, und mit den langen blonden Haaren und dem modischen Ziegenbärtchen einem Filmstar gleicht.

Ein Star ist er bereits. Das Jugendmagazin "Neon“ habe Keysers zu einem der 100 wichtigsten jungen Deutschen gekürt und ihn glattweg an die dritte Stelle gesetzt, vermeldet Bas Kast wenig später in der Podiumsdiskussion, die er moderiert. Er wirft seinem Schulfreund Christian die Stichworte wie Bälle zu. Der fängt sie auf und spielt mit ihnen. Es ist Samstag, der 11. Oktober 2003. Was für ein Auftritt!

Ein knappes halbes Jahr später. Christian Keysers holt mich ab, um mir sein neues Labor zu zeigen: das Neuroimaging Centre der Universität Groningen in den Niederlanden, an dem er seit 1. März 2004 eine Arbeitsgruppe aufbaut. Keysers hat sein Fahrrad vor der Tür geparkt: ein blitzblankes neues Hollandrad – "meine erste Anschaffung hier“.

Während er das Rad durch Straßen, Gassen und über eine Kanalbrücke schiebt, kommt er ins Fachsimpeln. "Ob die Emotionen in unserem Gehirn nach einem einheitlichen System funktionieren oder ob es verschiedene Systeme für verschiedene Emotionen gibt, wir wissen es nicht“, sagt der Psychologe. "Momentan sind die Ergebnisse noch zu widersprüchlich. In der Wissenschaft muss man Geduld haben.“ Geduld? Das ist ja nun das Letzte, was ich von diesem jungen Überflieger erwartet hätte. Ich beginne mein Bild von Christian Keysers zu revidieren.

Im Institut, einem frisch renovierten Altbau der medizinischen Fakultät, erwartet mich der fMRI-Scanner, der Stolz des Hauses. Die Abkürzung steht für "functional Magnetic Resonance Imaging“ – funktionelle Kernspintomographie. "Um Ihren Kopf herum wird ein starkes Magnetfeld aufgebaut, das die Atome in Ihrem Körper zum Umklappen bringt“, erklärt mir Keysers vereinfachend das Prinzip. "Dabei messen wir einen kleinen Unterschied zwischen dem Hämoglobin des frischen und des verbrauchten Bluts. Wir werden nachher sehen, in welchen Hirnteilen Sie bei bestimmten Aufgaben besonders viel Sauerstoff verbrauchen.“

Sie wollen mir also ins Gehirn schauen, die beiden Forscher. Ich bewege auf Kommando Finger, Zehen oder Zunge, während ich auf einer Pritsche liege, den Kopf festgeklemmt, die Ohren verstopft. Um mich herum ein gedämpftes Klopfen, Schrillen, Summen und Stampfen – Geräusche, die entstehen, wenn die Magnetfelder erzeugt und reguliert werden. Nun klappen also in meinen Adern die Atome um – fast ist mir, als könnte ich das spüren.

Mit derselben Methode sollen hier Psychopathen untersucht werden, erklärt mir Christian Keysers später: "Menschen, die nichts empfinden, wenn sie einen anderen verletzen. Wir wollen herausfinden, ob es vielleicht an ihren Spiegelneuronen liegt.“

Ein Defekt im Mitgefühl-System, das uns die Natur mitgegeben hat und das doch nicht fehlerlos zu funktionieren scheint? "So ist es.“ Der junge Psychologe interessiert sich zwar mehr für die Grundlagenforschung, findet es aber "aufregend, wenn man dieses Wissen auf Patienten übertragen kann“.

Wie ist er überhaupt auf die Hirnforschung gekommen? Zufällig. "In der Schule fühlte ich mich zu Physik, Philosophie und Mathematik hingezogen“, sagt Keysers. "Es fiel mir schwer, eine Entscheidung zu treffen.“ Durch ein Versehen der ZVS, der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen, fand er sich plötzlich im Diplomstudiengang Psychologie in Konstanz wieder statt als Philosophie-Student mit Nebenfach Psychologie, wie eigentlich geplant.

Doch Keysers vermisste die Philosophie nicht lange. "In Konstanz war das Psychologiestudium sehr naturwissenschaftlich orientiert. Wir machten zum Beispiel Lernexperimente an der Meerschnecke Aplysia. Im Gegensatz zu den meisten Kommilitonen hat mich das sehr fasziniert.“

Noch durch etwas anderes unterschied er sich von seinen Mitstudenten: seine Zielstrebigkeit. Der junge Mann, Sohn eines deutsch-französischen Vaters und einer deutschen Mutter, in Belgien geboren, als Kind mehrfach umgezogen, bewarb sich nach dem Grundstudium um ein Auslandsstipendium – und bekam es. In Boston, Massachusetts, sah er sich zehn Monate lang in drei renommierten Labors um und beschäftigte sich mit den Nervenzellen von Küchenschaben ebenso wie mit Künstlicher Intelligenz und dem Sehsystem von Affen. "Danach wusste ich, dass mir die wissenschaftliche Arbeit gefällt.“

Zurück in Deutschland, meldete er sich bei Prof. Onur Güntürkün in Bochum für die Diplomarbeit an (Porträt in bild der wissenschaft 09/2004, "Das Glückskind“). Den in der Türkei geborenen Psychologen kennt Keysers aus Konstanz. Das Dumme war nur: "Ich war der einzige Elektrophysiologe in der Abteilung. Tag und Nacht habe ich gearbeitet, um die Apparate in Gang zu bringen.“ Seine Diplomarbeit über Asymmetrien im Hirn der Taube wurde mit "sehr gut“ bewertet.

Nächste Station war St. Andrews in Schottland. Im Labor von David Perrett, einem Pionier der Gesichterforschung, wurden außer Menschen auch Makaken untersucht. Bas Kast, der treue Kamerad aus der Schulzeit, besuchte Keysers dort und berichtete danach im Wochenblatt "Die Zeit“: "In das Gehirn des Affen haben die Forscher hauchdünne Elektroden eingepflanzt. Kabel führen zu einer Batterie von Messinstrumenten. Links steht der junge Mann und präsentiert dem Affen ein angestrengtes Pantomimenspiel: Er hebt seinen Arm, sein Bein, den anderen Arm, er dreht den Kopf, legt sich hin, er kriecht, hüpft, springt, dann dreht er sich um und versteckt sich.“

Ziel des Affentheaters: In höheren visuellen Zentren der Affen Zellen zu finden, die nur auf ganz spezielle Reize reagieren. "Da gibt es eine Zelle, die sagt dem Tier: Da schaut mich jemand an. Wenn ich an dem Affen vorbeischaue, reagiert sie nicht mehr.“

Keysers demonstriert es. Er blickt mich an, dreht mir dann das spitznasige Profil zu, dann wieder das Gesicht. Der junge Mann scheint die Spiegelung zu genießen.

"In dieser Zeit las ich erstmals etwas über die Experimente mit Spiegelneuronen“, sagt Keysers wie auf ein Stichwort hin. Im italienischen Parma wurden sie entdeckt, im Frühjahr 1991 und durch einen Zufall. Vittorio Gallese, damals im Hauptberuf Gefängnisarzt und nur nebenberuflich Wissenschaftler, hatte zusammen mit einem Kollegen im prämotorischen Kortex – dem Aktionsplanungszentrum – eines Makaken nach Zellen gesucht, die dem Affen helfen, einen bestimmten Fingergriff zu planen: den spitzen Präzisionsgriff, mit dem man beispielsweise eine Rosine fasst. Aber das Neuron, in dem die Elektrode steckte, feuerte bereits, als der Forscher erst nach der Rosine griff.

Wie eigenartig: Eine Hirnregion, die mit dem Sehen nicht das Geringste zu tun hat, reagiert auf einen visuellen Reiz. Kein Wunder, dass selbst der Laborleiter, Prof. Giacomo Rizzolatti, zunächst skeptisch war. Die ganze Fachwelt verharrte in Unglauben. Und erst 2001, zehn Jahre nach ihrer Entdeckung, wurde die Existenz der Spiegelneuronen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Christian Keysers, frisch promoviert, ging im September 2000 nach Parma. Nicht nur der Spiegelneuronen, sondern auch der Liebe wegen. Die Beziehung zu der Italienerin zerbrach kurz darauf, doch die Wissenschaft machte Fortschritte. Vittorio Gallese begeistert sich: "Er ist wahrscheinlich der beste junge Neurowissenschaftler, mit dem ich je zusammenarbeiten durfte.“ Der junge Deutsche brachte – wie er sich selbst lobt – quantitatives Denken ins eher qualitativ orientierte italienische Labor mit: "Ich wollte eine kritischere Versuchsanordnung. Vielleicht, weil ich mich erst selbst überzeugen musste, dass es die sagenhaften Spiegelneuronen wirklich gibt.“ Und bald fand er sie überall. Nicht nur in motorischen Zentren, sondern auch in sensorischen. Beispielsweise in der Insula, mit der Affen und Menschen Gerüche und Geschmäcker deuten. "Ob ich selbst Ekel empfinde oder ob ich ein angeekeltes Gesicht sehe – für diese Zellen ist es das Gleiche“, sagt Christian Keysers. Zusammen mit Bruno Wicker aus Marseille hat er die Basis des Mitgefühls mit einem fMRI-Scanner sichtbar gemacht.

Gallese vermutet, dass die Spiegelneuronen den Primaten helfen, die Handlungen und Absichten anderer zu verstehen, indem sie diese im eigenen Kopf simulieren ("Als ob“-Handlungen) – und manchmal auch tatsächlich imitieren, etwa beim Lachen oder Gähnen. Dasselbe Prinzip, nämlich Verstehen durch Mitempfinden, scheint aber nicht nur für Handlungen, sondern auch für Gefühle (Ekel) und Sinneseindrücke (Berührung) zu gelten, wie die Experimente von Christian Keysers gezeigt haben.

Schon greifen nicht nur Neurologen und Psychologen, sondern auch Soziologen und Pädagogen begierig nach den Aufsätzen über die Siegelneuronen. Auch in Deutschland entwickeln sie eigene Forschungsprojekte. Und Christian Keysers, der öffentliche Auftritte genießt, baut immer häufiger das Stichwort "soziale Wahrnehmung“ in die Titel seiner Vorträge ein. "Neulich sprach ich vor Psychotherapeuten“, sagt er. "Sie fühlten sich bestätigt. Denn intuitiv hatten sie schon immer angenommen, dass sie die Gefühle ihrer Patienten besser nachempfinden können, wenn sie deren Körperhaltung imitieren.“

Sind unsere Spiegelzellen also im Grunde soziale Zellen? Sind sie uns angeboren, damit wir die Gefühle und Absichten anderer erkennen können? "So weit würde ich nicht gehen“, sagt Christian Keysers. "Ich nehme an, dass die Spiegelzellen zunächst dazu dienten, unsere eigenen Handlungen zu beobachten und zu kontrollieren. Erst später wurde das Prinzip verallgemeinert.“

"Wenn Sie hier über den Tisch schauen“, fordert mich Christian Keysers auf, "dann entstehen alle möglichen Handlungsabsichten in Ihrem Kopf. Die meisten werden Sie aber mit Ihrem präfrontalen Kortex unterdrücken.“ Tatsächlich, jetzt wird es mir bewusst: Vielleicht sollte ich diese beiden Teepäckchen öffnen und nachsehen, ob noch Teebeutel darin sind? Und was mag in dem Brief stehen, der an Valeria Gazzola gerichtet ist? Doch mein präfrontaler Kortex unterdrückt meine Neugier. Das ist auch besser so.

Denn Valeria Gazzola sitzt hinter meinem Rücken, während ich mich mit Christian Keysers unterhalte. Der junge Professor hat sie mir stolz als seine Doktorandin vorgestellt – und als seine Frau. Sie kennen sich aus einem Kletterkurs, haben ein Jahr lang gemeinsam in Parma geforscht, und im Januar haben sie geheiratet.

Gazzola forscht über Berührungen. Ihre Arbeit am fMRI-Scanner mit Keysers und weiteren Kollegen zeigt, dass es auch in den Berührungszentren des Menschen ein Spiegel-System zu geben scheint. Und das Verrückte ist: "Diese Zentren sind nicht nur aktiv, wenn wir sehen, wie ein anderer Mensch berührt wird, sondern sogar, wenn sich Dinge berühren!“ Gazzola und Keysers können sich gar nicht genug wundern.

Macht unser Hirn keinen Unterschied zwischen belebten und unbelebten Objekten? Wie es aussieht, gibt es noch viel zu entdecken für das junge Forscherpaar.

Was er sich von der Zukunft erhofft? Keysers gibt sich wieder überraschend bescheiden: "Es würde mir Spaß machen, noch weiter kreativ zu sein. Ab und zu etwas Neues zu finden, auch wenn sich das nicht planen lässt.“

Und privat? "Das Wichtigste habe ich schon gefunden, meine Frau. Kinder stehen auf der Wunschliste.“ Wir dürfen uns also Christian Keysers als glücklichen Menschen vorstellen. "Ja!“, sagt er.

Und schenkt mir ein Lächeln, das sämtliche Siegelneuronen erzittern lässt.


Kompakt 

Am 27. Juni 1973 geboren,  wächst Christian Keysers im französischsprachigen Belgien auf.

1987-1991 prägende Jahre auf der Europäischen Schule München.

1991-1997 Studium der Psychologie sowie Promotion in Konstanz, Boston (USA) Bochum, St. Andrews (Schottland).

2000-2004 Forschung in Parma (Italien). Er entdeckt die Rolle der Spiegelneuronen bei  im Berührungen und Ekel.

Seit 2004 Forschungsprofessur in Groningen (Niederlande)

Hobbys: Christian Keysers kocht, klettert und segelt gerne.



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