Judith Rauch schreibt: Bild der Wissenschaft Juli 2001

Der Urologe mit Blues im Blut - Jens Rassweiler

Eine erfolgreiche Rockband mit drei Chefärzten als Musikern? Ein Provinzkrankenhaus, dessen urologische Abteilung international führend ist bei Schlüsselloch-Operationen? Beides gibt es, und hinter beidem steckt derselbe Mensch.

Warten auf den Professor. „Der Chef ist noch im Operationssaal“, hat die Sekretärin gesagt. „Aber er kommt gleich.“ Also Platz nehmen auf einem Klappstuhl im Flur der urologischen Ambulanz des Klinikums Heilbronn. Gleich neben einem älteren Ehepaar – hoffentlich die letzten Patienten dieses Nachmittags. Gelegentlich huscht ein blaubekittelter Arzt oder Pfleger vorbei und verschwindet hinter einer Tür. Zum Zeitvertreib blättere ich in einem dicken Ordner mit der Aufschrift „Uroband“. Darin abgeheftet sind zahlreiche Zeitungsartikel über eine phänomenale Rockband, die „der Chef“, auf den ich warte, mit begründet hat. „Grooven unter der Gürtellinie“ heißen die Überschriften, „G(H)eile Welt“ oder: „Wenn Urologen die Prostata besingen“. Einige Lieder kenne ich, denn der Chef hat mir zum Probehören CDs der „Mannheim Uroband“ geschickt. Besonders ein Lied klingt mir im Ohr:

Wir sind in der Klinik zu Haus
von morgens früh bis spät ...


Da kommt er: Jens Rassweiler. Mittelgroß, drahtig. Er begrüßt mich kittellos in Hemd und Hose, wirkt freundlich, aber voller Unruhe. Als ahne er, dass der Kliniktag nicht zu Ende ist.

Und tatsächlich: Gerade hat der 48-Jährige von seinen medizinischen Anfängen erzählt („eigentlich wollte ich mal Gynäkologe werden“), von seinen ersten Erlebnissen als Anästhesiepfleger in der Urologie („Resektion der Prostata – wie das schon riecht! Also, das hat mich alles abgestoßen“), von seinen Ausflügen in die Pathologie und wie er als Assistenzarzt bei Prof. Ferdinand Eisenberger in Stuttgart doch noch Spaß an der Urologie, am Operieren – und am Fußballspielen fand. Da kommt sie schon, die erste Unterbrechung. Ob der Chef mal in den OP kommen könne? Postoperative Komplikationen. Prostata. Koagel. Ich verstehe nicht alles, aber doch so viel, dass es dringend ist. Rassweiler seufzt, entschuldigt sich und geht.

Ich hab ’ne Klinik im Besitz und einen Mitarbeiterstab,
die halt ich selbstverständlich jeden Tag auf Trab.


So heißt es im Uroband-Song „Ich bin der Chef“. Aber hier in Heilbronn scheinen die Verhältnisse umgekehrt zu sein. Im Chef-Zimmer hängen Fotos an der Wand: Ehefrau Katrin, Sohn Moritz, Tochter Marie-Claire – eine nette Familie. Wie oft sie wohl den Vater sieht? Daneben zwei Professoren-Porträts: Der schon erwähnte Prof. Eisenberger. Und Prof. Peter Alken, der frühere Vorgesetzte am Klinikum Mannheim, wo Rassweiler Leitender Oberarzt war – und wo die Uroband entstand. Beide Fotos mit enthusiastischen Widmungen für den begabten, tüchtigen früheren Mitarbeiter. Auch eine Statistik hängt hier, aus dem Fachblatt „Laborjournal“: Danach gehört der Wissenschaftler Jens Rassweiler zu den meist zitierten deutschsprachigen Autoren in der Urologie.

„Haben Sie gesehen? Ich bin der viertbeste Deutsche“, ruft er, gerade wieder hereingekommen. Der viertbeste? Steht er nicht auf Platz 14? Nein, Rassweiler erklärt es: Da sind eine ganze Reihe Pathologen mit urologischen Themen auf den vorderen Plätzen, „keine richtigen Urologen“. Außerdem sind Österreicher und Schweizer dabei. Gut – er ist wirklich der viertbeste Deutsche. „Und das ohne den ganzen Apparat, den Sie an einer Uniklinik haben“, betont der Heilbronner.

Forscherdrang, wer schreibt, der bleibt,
Forscherdrang als Zeitvertreib,
Forscherdrang immer ganz beflissen,
weil Mediziner furchtbar gerne alles wissen.


Auch wenn die Reime manchmal holpern, die Texte der Uroband bringen die Dinge auf den Punkt. Rassweilers Forscherdrang hatte sich bis zum Mai 1997 bereits in 580 wissenschaftlichen Artikeln niedergeschlagen – eine aktuellere Publikationsliste findet er gerade nicht auf seinem Computer. In den späten achtziger und frühen neunziger Jahren richtete sich sein Forscherdrang vor allem auf das damals brandneue Verfahren der Nierensteinzertrümmerung mittels gebündelter Druckwellen. „Extrakorporale Stoßwellenlithotripsie“ (ESWL) sagen die Urologen, „shock wave killer“ heißt die Apparatur im Song der Uroband. Rassweiler hat alle Lithotripter getestet, die auf dem Markt sind. „Für die Medizin war ESWL ein wichtiger Schritt.“ Ein Nierenstein kann jeden treffen. Er kann in der Niere heranwachsen, in den Harnleiter gelangen, dort stecken bleiben und fürchterliche Schmerzen verursachen – Nierenkolik:

Ich bin Rocky, der Stein,
ich bin klein und gemein,
ich bin Rocky, der Stein
und ich bin ein fieses Schwein.


Irgendwann hatte Rassweiler genug von den Lithotriptern („die kann inzwischen jeder bedienen“), und sein Forscherdrang wandte sich der Schlüsselloch-Chirurgie zu. Im Februar 1992 entfernte er als erster deutscher Arzt einer Patientin eine chronisch entzündete Niere per Laparoskopie.

Eine Premiere, die Schlagzeilen machte. Die Frauenzeitschrift „die aktuelle“ beschrieb die Operation damals so: „Statt aufzuschneiden, schob Dr. Rassweiler vier Metallröhrchen durch die Bauchdecke. Durch eines der Röhrchen wurden eine elektrische Minikamera und eine Beleuchtung geschoben, durch die anderen die chirurgischen Winziginstrumente: Schere, Pinzette, Nadelhalter und Stanzgerät.“ Die Niere wurde freigelegt und in der Bauchhöhle in einen kleinen Plastiksack gepackt. Dort zerschnitten sie die Ärzte in drei Teile, um sie samt Sack durch eine der engen Hautöffnungen ziehen zu können. Auf einem Foto zeigt die Patientin lächelnd ihren Bauch mit den zierlichen Narben.
Ihr Operateur dichtete damals stolz:

We are keyhole surgeons,
we want to get the kidneys out.
We are keyhole surgeons,
we know how to get them out.


Zwei Wochen nach dem ersten Gespräch bin ich mit Jens Rassweiler im Auto unterwegs. Wir fahren zu Aufnahmen in ein Tonstudio in Mannheim, wo die neueste CD der Uroband entsteht. Rassweiler steuert den silberfarbenen Audi TT leichthändig über die Autobahn, wechselt die Fahrspur so elegant, wie ein Skifahrer – der er auch ist – über die Piste wedelt.

Wir haben’s eilig,
von morgens früh bis in die Nacht,
wir haben’s eilig,
wir haben’s eilig jeden Tag ...


Das Mobiltelefon klingelt. Es ist seine Frau, Katrin Rassweiler. Sie ist Medizinisch-Technische Assistentin und arbeitet stundenweise im Büro ihres Mannes. „So sehe ich ihn wenigstens ab und zu“, hat sie gesagt, als ich sie zwei Wochen zuvor traf. Damals holte sie ihren Mann von der Arbeit ab, weil er mit musste zu einem Termin in der Schule des Sohnes. Vaterpflichten – „die nehme ich durchaus ernst“, hat er gesagt.

„Wir sind noch unterwegs, wir sind spät dran“, berichtet er nun seiner Frau. „Es hat länger gedauert im OP. Ich musste konvertieren.“ Konvertieren? „Ich musste von der Endoskopie auf die offene Operation umsteigen“, erklärt mir der Urologe, nachdem er aufgelegt hat. Ein schwieriger Fall – der Prostata-Tumor war größer als erwartet. Seit 1999 wagt sich Rassweiler auch an Prostata-Operationen durchs Schlüsselloch. „Das ist ein schwerer Eingriff, nichts für Anfänger“, sagt er. „Die Gegend ist blutreich, und man muss nähen können. Man muss die Blase an die Harnröhre annähen.“ Und das Ganze durchs Schlüsselloch? „Das geht. Das kann man lernen“, versichert Rassweiler. Er hat schon viele ausländische Ärzte unterwiesen – Israelis, Inder, Saudis, Amerikaner. „Wir üben das am Pelvitrainer. Das ist eine Schweinsblase in einem Kasten, die uns als Modell dient. Die Nahttechnik kann man auch an einem Hühnerschlegel üben.“ Der Arzt untermalt seine Ausführungen begeistert mit den Händen. Dabei schaut er mich an, ob ich auch alles verstehe. Jetzt wird mir doch ein wenig bange: „Wollen Sie sich nicht lieber auf den Verkehr konzentrieren?“ Der Chef gehorcht.

Oh Prostata, du warst immer für uns da.
Prostata, das ist wunderbar.
Du gibst uns Arbeit, gibst uns Brot.
Du bist der Retter in der Not.


Bei seinen deutschen Kollegen, die nach wie vor lieber „offen“ operieren, sei er mit der neuen Operationstechnik nicht so gut angekommen, erzählt Rassweiler, plötzlich etwas kleinlaut. „Sie sehen eine gefährliche Konkurrenz in mir. Ich nage an ihrem Brot, und das lassen sie mich spüren.“ Ungern erinnert er sich an einen Urologenkongress im Januar 2001. Er habe damals über 180 erfolgreiche Schlüsselloch-Operationen an der Prostata berichtet. „Ein Kollege aber hatte 10 probiert und war zu dem Ergebnis gekommen: Es geht nicht.“ Und dieser Meinung habe sich die Mehrheit angeschlossen. „Ich bin eher im Ausland bekannt“, tröstet sich der Pionier. „Urologia es magnifica.“

Rassweiler spricht Englisch, Französisch und Spanisch, er versteht Italienisch und Portugiesisch. Er mag Kongresse, lässt sich gerne in internationale Gremien wählen. „Ich liebe es, fremde Länder arbeitend zu erleben“, sagt er. Die Familie wird integriert: So durfte Sohn Moritz, 19, den Vater zu Vortrag und Gastoperation nach Singapur begleiten. Die Tochter besuchte er während ihres Schüleraustausches in den USA. Kein Wunder, dass auch die Mannheim Uroband immer internationaler wird. 2002 spielte sie beim Europäischen Urologenkongress in Birmingham. 2001 erschien die erste CD mit englischen Texten:

We are the Uroband
from sunny Mannheim.
We love the life we live ...


Doch wie hat es mit der Uroband eigentlich angefangen? Während wir uns Mannheim nähern, wird es Zeit, das zu beantworten. „Es war während einer blutigen Operation“, setzt Jens Rassweiler an. „Das Radio lief...“ und fünf Herren in grünen Kitteln – die Oberärzte Jens Rassweiler, Reinhold Tschada und Mathias Löbelenz, dazu Stefan Forster, Arzt im Praktikum, sowie der Zivildienstleistende Tim Jäger – wippten mit. Schnell kam die Frage auf nach musikalischen Vorlieben, und wer welche Instrumente spiele. „Und siehe da, wir hatten eine Band.“

Wir sind die besten Urologen,
wir killen Steine und Tumoren,
wir flicken Blasen, retten Hoden,
wir sind die besten Urologen.


Das war der erste gemeinsame Song. Mit Forster als Lead-Sänger, Rassweiler und Löbelenz an den Gitarren, dem Bassisten Tschada und dem bereits in Hardrock-Bands erprobten Drummer Jäger entstand eine Formation, die in den kommenden Jahren von Erfolg zu Erfolg eilte. Die Mannheim Uroband begeisterte zunächst auf Klinikfesten und Kongressen, produzierte 1989 ihre erste Maxisingle und 1991 ihre erste von mittlerweile sieben CDs. Fernseh-Auftritte kamen hinzu – vom Gesundheitsmagazin bis zu Harald Schmidt, von Stefan Raab bis zu den Lustigen Musikanten.

„Jetzt habe ich doch glatt die falsche Ausfahrt genommen", sagt Rassweiler. „Wir müssen ja gar nicht zum Probenkeller. Wir müssen ins Tonstudio.“ Er wendet – und alles wird gut. In dem Backsteinhäuschen neben den Eisenbahnschienen, in dem sich das Studio verbirgt, begrüßt uns ein Mann, der nicht viel spricht: „Steff“, Werner Stephan, der Tontechniker, der die Mannheim Uroband seit ihren Anfängen begleitet. Eine flotte Rock-Melodie wird eingespielt, Rassweiler – Kopfhörer auf dem Kopf – soll ein Gitarrensolo dazu liefern. Die meisten anderen Instrumente und Stimmen sind schon im Kasten beziehungsweise auf den digitalen Kanälen aufgezeichnet, die ich als hüpfende Balken auf der großen Anzeige hinter dem vier Meter breiten Mischpult sehen kann.

... wenn die Pumpe mal nicht mag

Immer wieder muss Rassweiler an dieser Stelle einsetzen mit seinem Solo. Denn Steff, der Herrscher über Mischpult und Schnittgerät, bemerkt jede Unvollkommenheit – mal kämpft er mit Nebengeräuschen, mal passt ihm Rassweilers Tempo nicht, der nächste Versuch ist ihm zu unrhythmisch, überhaupt: „Willst du nicht höher spielen?“ Und Jens spielt. Und flucht. Und schwitzt. Und spielt. Alles Chefärztliche, Professorale und jegliche Eitelkeit sind von ihm abgefallen, und in der seltsamen Kostümierung – Badehose, T-Shirt, Gitarre und Kopfhörer – wirkt der Gitarrist Jens Rassweiler hochkonzentriert, mit sich zufrieden und kein bisschen lächerlich.

Wenn er dann zur Mundharmonika greift und loslegt, dann gelingen sie auf Anhieb, die Passagen, die sogar Steff gelten lässt: „Super, das lass ich gleich so stehen.“

Music is the key
to joy and harmony,
come on, join the train,
to happiness and fame.

Ja, der musikalische Ruhm ist über sie gekommen, die drei Oberärzte Rassweiler, Tschada und Löbelenz, die heute Chefärzte in Heilbronn, Mannheim und Neustadt an der Weinstraße sind. Und über den Neu-Berliner Jäger. Und auch auf den Forster-Ersatz Matthias Köninger, einen Musiktherapeuten, färbt er ab. Besonders heiß geht es bei den Live-Konzerten der Mannheim Uroband zu. „Ein bisschen wie bei der Rocky Horror Picture Show“, sagt Jäger. Die Fans kommen in weißen oder grünen Arztkitteln angereist, singen die Lieder mit, werfen Laborhandschuhe, Katheter, Fingerlinge und die gefürchteten apfelsafthaltigen Urinbeutel auf die Bühne.

Wer neu ist und die Uroband nicht kennt, sitzt still und lauscht. Denn nicht nur die Rhythmen – von Blues über Hip-Hop bis Polka, auch die Texte haben es in sich. Nur selten sind es reine Blödeleien, und nicht alles, was thematisiert wird, ist zum Lachen. Es geht auch um Nachtdienste, Prüfungen und die Angst vor der Operation, es geht um des Mannes bestes Stück

das Maß aller Dinge – jeder Zentimeter zählt

und um Viagra

das blaue Wunder – endlich wird er wieder munter.

Sogar einen Hoden hat die Uroband schon gerettet. „Ich hab ein Lied im Radio gehört über eine Krankheit, ich glaub, die hab ich auch“, sagte einer, der in die urologische Notfallsprechstunde kam. Tatsächlich hatte der Mann eine Hodentorsion – und es war noch nicht zu spät für eine organerhaltende Operation.

Was rät Prof. Jens Rassweiler mit tiefer Chefarztstimme gleich nochmal? „Kommen Sie in unsere Sprechstunde. Und es wird alles gut.“

 

Kompakt

Geburtstag: 20. März 1955

Position: Chefarzt für Urologie am Klinikum Heilbronn seit 1994.

Spezialität: Schlüsselloch-Operationen an Blasen, Nieren und Prostata. Weltweit unterwegs als Gastoperateur.

Leidenschaft: Gitarre spielen in der „Mannheim Uroband“.

 

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